Colmar 2017

  

Es ist jetzt über einen Monat her, dass ich mit 23 Mitschülern nach Colmar aufgebrochen bin. Rückblickend kann ich sagen, dass mir das ganze großen Spaß gemacht hat und dass es eine gute Erfahrung war.

  Aber am 9.1.17, dem Tag der Abfahrt, waren wir erst einmal alle furchtbar aufgeregt. Um 8:10 Uhr war Treffen an der Schule. Alle Eltern und Kinder halten sich zum letzten Mal für die nächsten drei Wochen in den Armen und dann geht’s los. Die Stimmung im Bus ist bestens, alle sind aufgedreht und fiebern ihrem persönlichen Abenteuer entgegen. 

Einige Male halten wir an Raststätten an, um uns die Beine zu vertreten. Insgesamt zehn Stunden brauchen wir bis Colmar, schuld ist ein bisschen Pulverschnee auf der Autobahn. Als wir die Hauptstraße hinunterfahren, schlägt die allgemeine Aufregung langsam in Panik um und Ausrufe wie „Was habe ich nur getan?!“ sind zu hören. Ich habe das ganze zwar nun schon zwei Mal erlebt, aber auch ich konnte jetzt kaum noch still sitzen. An der Bushaltestelle warteten sie alle, und halfen uns, die Koffer zu den Autos zu tragen. Mein Austauschschüler Baptiste und sein Vater Hervé begrüßten mich herzlich.

Nach zwanzig Minuten Fahrt lerne ich dann Mutter Sophie und Xavier, meinen „neuen kleinen Bruder“ kennen. Wir unterhalten uns blendend, Sophie und Baptiste sprechen fast fließend Deutsch und mit den anderen beiden kann ich mich auch gut verständigen. Zum Abendessen gibt es Hühnchen mit Salat, Sauce und Baguette, offenbar ein typisch französisches Abendessen, denn es wiederholt sich in den drei Wochen noch ein paar Mal  in abgewandelter Form. Nach dem Abendessen falle ich todmüde ins Bett, die Busfahrt hat mich ganz schön geschlaucht.

  Am nächsten Tag sind wir mit dem Bus zur Schule gefahren und wurden dort den Klassen zugeteilt. Da eine französische Klasse natürlich nicht 23 zusätzliche Schüler aufnehmen kann, werden wir immer in kleinen Grüppchen zu unserer Klasse gebracht, die wir jetzt die nächsten drei Wochen begleiten. Als wir den Klassenraum betreten, gibt es erst mal ein tolles Wiedersehen, denn wie ich sind Catherina, Hannah und Hannah schon zum dritten Mal hier und die Meisten aus der Klassen kennen wir gut.

Der Unterricht ist gewöhnungsbedürftig, da der Lehrer meistens nur vorne steht und erzählt. Insgesamt kam mir die französische Schule sehr streng und leistungsfokussiert vor. So durften zum Beispiel nur die besten Schüler in der Pause in die Bücherei gehen, oder nur die Jahrgangsbesten nach England fahren. Auch das Verhältnis der Schüler und Lehrer zueinander kam mir sehr fremd vor. Schulschluss hatten wir an normalen Tagen nie vor halb fünf, nur mittwochs konnte man nach der Schule noch etwas mit dem Tag anfangen. Die meisten Franzosen waren in einem Sportverein, in den sie mindestens zwei Mal in der Woche gingen, sodass auch dann nicht mehr viel Zeit war, um etwas zusammen zu unternehmen. So verging die Woche in einem Wirbel aus frühem Aufstehen, Schule, bibberkalten Klassenräumen, nach Hause kommen im Dunkeln, späten Abendessen und noch späterem ins Bett gehen. Meistens half ich meiner Gastmutter in der Küche, lernte tolle neue elsässische Gerichte kennen und unterhielt mich während dessen mit ihr über alles Mögliche. Am Donnerstag Morgen dann war unser gemeinsamer Ausflug nach Straßburg, bei dem all deutschen und französischen Austauschschüler dabei waren. Zuerst haben wir das Europaparlament besichtigt, ein beeindruckendes Gebäude aus Glas und Stahl und Holz. Dieses Mal bekamen wir sogar eine Führung, bei der die Plenarsitzungen und die Arbeit der Abgeordneten erklärt wurden.

  Danach ging es in die wunderschöne Innenstadt von Straßburg und zum berühmten Münster. Leider war nicht viel Zeit für einen längeren Aufenthalt, denn es ging schon bald wieder zurück nach Colmar, wo wir noch von der Bürgermeisterin empfangen wurden.

 

   Am ersten Wochenende dann unternahm ich das erste Mal etwas mit meiner Gastfamilie. Am Samstag besuchten wir das Unterlinden-Museum, ein Kunstmuseum in Colmar, in dem Kunstwerke aus allen Epochen ausgestellt sind. Das Museum befindet sich in einem restaurierten Kloster, nach dem es auch benannt wurde. Um Sonntag sind wir dann in die  Vogesen gefahren, haben bei einem nur ungefähr eine halbe Stunde entfernten Verleih sogenannte Raquettes ausgeliehen und sind mit diesen speziellen Schneeschuhen wandern gegangen. Sechs Stunden waren wir unterwegs, haben zwischendurch in einer Skihütte Mittag gegessen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Schnee gesehen! An den flachsten Stellen lag er einen halben Meter hoch und die tannen bogen sich regelrecht unter der weißen Pracht. Ich kam mir vor, wie in Alaska.

  Am Montag ging dann wieder die Schule los. Witziger Weise hatten wir aber nicht den selben Unterricht wie letzte Woche. Hier an der Schule ist es nämlich so, dass es zwei Stundenpläne gibt. Einen für die geraden und einen für die ungerade Wochen. So durften wir diese Woche zum Beispiel zusätzlich zum Sportunterricht klettern, mit Seilen an einer acht Meter hohen Kletterwand. Diese Woche gingen wir mit einigen anderen Austauschschülern Eislaufen. Das hat allen großen Spaßgemach und ich glaube, das machen wir nochmal, wenn dann alle nach Deutschland kommen.

Am zweiten Wochenende sind wir wieder in die Vogesen gefahren, allerdings dieses Mal zum Skifahren. Dieses Mal war sogar noch besseres Wetter als vor einer Woche und der Himmel war so klar, dass man am Horizont den Schwarzwald sehen konnte. Wintersport ist hier im Elsass ein wichtiges Thema. Niemand aus der Klasse fährt nicht Ski oder Snowboard, ganz im Gegensatz zu uns Flachländlern. Am Sonntag zeigte mir mein Gastvater seine Weinfelder und erklärte mir alles, was ich über die Kunst des Weinbauern wissen musste. Er arbeitet selbstständig als Weingärtner und er und seine Firma bekamen von allen Weinbesitzern der Gegend Aufträge, zumal eigentlich jeder, der auch nur einen handtuchgroßen Garten hat, seine eigenen Reben besitzt. Und so fing, nach einem aufregende Wochenende meine letzte Woche  im Elsass an. Mittwoch sollte es wieder nach Hause gehen und langsam wuchs die Unruhe, die ersten fingen schon mit dem Kofferpacken an. Am Dienstag gingen wir nochmal in etwas kleinerer Runde Eislaufen und am nächsten Tag ging es dann auch schon los. An der Bushaltestelle in Colmar verabschiedeten wir uns alle tränenreich und die meisten konnten es schon jetzt kaum erwarten, sich in sechs Wochen wieder zu sehen. Das wird bestimmt toll, und ich bin gespannt, was wir zum Beispiel in Berlin alles machen werden. Hier werden wir auf jeden Fall zusammen in die Autostadt gehen und vielleicht auch noch ins Phaeno. Ich denke, wir gehen bestimmt zusammen klettern und ich hoffe es gibt schönes Wetter. Das wird aufregend!